Op de Vogelwiesch

Mittelalterverein Bordesholm e.V.


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Hey, hey Wicki oder Die etwas andere Art zu segeln

Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehen, sofern die Winde wehn, ach wär das schön…“ Ich weiß nicht warum mir ausgerechnet jetzt dieses Liedchen wieder einfiel. Sonntag früh ist es, die Sonne lacht und Wind ist auch genug da für ein neues Segelabenteuer.

Am Schleswiger Stadthafen geht’s los

Nachdem ich unseren Fotografen Jürgen unterwegs eingesammelt habe, machen wir uns auf dem Weg nach Schleswig. Am Stadthafen angekommen, geht es erst einmal auf die Suche nach unserem Schiff. Ein Ruf von Kai vom Kai lässt unsere Köpfe herumfahren. Da liegt sie ja. Kaum hebt sich der braunschwarze Rumpf aus Eichenholz vom Steg ab. Der einzige Mast ragt gen Himmel. Die Sigyn! Ja, die Sigyn ist schon was Besonderes. Sie ist ein Nachbau eines kleinen Handelsschiffes aus dem 10. Jahrhundert. Das Originalschiff wurde vor ca. 1000 Jahren als Unterwasserblockade im Roskildefjord in der Nähe von Skuldelev versenkt und vor noch nicht allzu langer Zeit zusammen mit fünf weiteren Schiffen wieder entdeckt und geborgen. Die Reste von Skuldelev 3, so die nüchterne Bezeichnung dieses Bootes, sind nun in einem Museum zu bestaunen. Damit aber nicht genug. Inzwischen gibt es mehrere Nachbauten dieses Schiffes, da der erste Nachbau durch verblüffende Segeleigenschaften auf sich aufmerksam machte. Die Sigyn ist etwa 14 Meter lang und 3 Meter breit und trägt in nordischer Tradition ein einziges Rahsegel mit bis zu 140 Quadratmetern Segelfläche. Mit Hilfe von drei Ruderpaaren, zwei achtern und ein Paar vorn, können die Manöver im Hafen unterstütz werden. Zum Rudern ist dieser Schiffstyp nicht ausgelegt. Es ist ein reinrassiger Segler, was bei einer früher üblichen Mannschaftsstärke von 4 bis 5 Mann auch nicht verwundert. Die braucht man dann aber auch, um das Steuerruder - an Steuerbord - und das Segel zu bedienen. Zusätzlich ist die Sigyn mit einem Motor ausgerüstet, ein Zugeständnis an die heutige Zeit.

Besondere Kennzeichen: Blaue Flecken am Schienbein

Wolfgang hatte diesen Törn für interessierte Mitglieder des Mittelaltervereins Bordesholm „op de Vogelwiesch“ organisiert. Als nun endlich alle 17 Unentwegten eingetrudelt waren, konnte es dann auch endlich losgehen. Schwimmwesten an, kurze Einweisung in die Besonderheiten des Bootes, insbesondere unter Hinweis auf die über den Bodenbrettern verlaufenden Querversteifungen zur Erhöhung der Festigkeit des Schiffsrumpfs. Diese dienen auch als Ruderbänke, können aber auch für denjenigen, der nicht aufpasst, zur Stolperfalle werden. Laut Skipper sind Blaue Flecken an den Schienenbeinen das Erkennungszeichen der Besatzung von der Sigyn. Na, unser Skipper hat also den Schalk im Nacken. Ich meldete mich freiwillig zum Rudern, denn wo man drauf sitzt, kann man sich keine Beulen holen, dachte ich mir. Die Sigyn ist allerdings eine recht schwergewichtige Lady und wir müssen uns ganz schön ins Zeug legen, um vorwärts zu kommen. Erschwerend kam dazu, das das mit dem Rudern bei den Hinterbänklern nicht auf Anhieb klappte. So kreuzten sich schon mal die Ruderblätter und der Vordermann bekam auch mal den Riemen ins Kreuz gerammt. Das kannte unser Skipper aber alles schon und bog uns die Rudertechnik auf einem Wikingerschiff geduldig bei. Langsam gleitet der Rumpf der Sigyn aus dem Hafen. Weit genug draußen werden die Ruder eingeholt und das Segel klariert, während die Sigyn sich schön querab zu den Wellen legt. Das Segel wird von der Stammbesatzung gesetzt und das Boot nimmt Fahrt auf. Ich hatte mich eigentlich auf eine recht geruhsame Tour eingestellt, werde jetzt aber eines besseren belehrt. Mit einem Reff im Segel bei rauhem Wind mit geschätzten 4 Windstärken rauscht die Sigyn mit einem ordentlichen Knochen im Maul durch die sich formierenden Regattafelder. Der Herbst steht vor der Tür und die letzten Regatten werden ausgetragen. So mancher Freizeitskipper hat seine liebe Mühe an der Sigyn vorbeizukommen. Langsam dämmert mir, warum gerade dieser Bootstyp so oft nachgebaut wurde.

Eine nordische Göttin bei Windstärke 5

Ich plaudere derweil mit dem Skipper Max und erfahre so eine Menge über das Schiff und seine Entstehung. Die vielen Unwägbarkeiten und Schwierigkeiten führten letztendlich zu dem Schiffsnamen. In der nordischen Mythologie hatte die Riesin Sigyn als Gemahlin Lokis die undankbare Aufgabe, die Schale des wegen seiner Schandtaten an einen Felsen gefesselten Asen Loki zu halten, damit ihn das ätzende Gift, der über seinem Gesicht aufgehängten Schlange nicht trifft. Nur wenn Sie die Schale leeren musste, träufelt das Gift der Natter auf Loki, der dann, sich vor Schmerz windend, so der Mythos, die Erdbeben verursacht. Inzwischen haben wir die große Breite erreicht. Der Wind hat auf etwa 5 Windstärken zugelegt, so dass sicherheitshalber lieber noch ein Reff eingebunden wird. Mit verkleinerter Segelfläche laufen wir mit achterlichem Wind Richtung Weseby. Meine Unkerei, dass wir wohl unter Motor zurücklaufen müssen, wird vom Skipper nur durch ein Grinsen quittiert. Nachdem ich mich als Jollensegler geoutet hatte, wurde ich kurzerhand ans Steuerruder komplimentiert, was ich mir natürlich nicht entgehen lasse. Wann hat man schon mal die Möglichkeit 14 Meter bestes Eichenholz zu steuern. Ganz achtern sitze ich nun recht kommod, die Pinne vor mir und versuche mich an das Schiff zu gewöhnen. Ein völlig neues Fahrgefühl! Wie auf Schienen läuft die Sigyn geradeaus. Um sich mal eine Tee einzuschenken, kann man sogar durchaus mal das Steuerruder für eine Weile sich selbst überlassen… unglaublich. Nun wird es Zeit für eine Wende, da das Ufer immer näher kommt. Um den beachtlichen Wenderadius wissend wird die Stammcrew langsam nervös. Skipper Max grinst wieder mal nur, dieser Schelm. Endlich gibt er das Kommando zur Wende. Nach dem Wendemanöver werden die Rah und die Schoten so getrimmt und festgesetzt, dass die Rah fast parallel zur Kiellinie steht. Ich schaue den Skipper skeptisch an, der grinst wieder nur. Und tatsächlich die Sigyn nimmt Fahrt auf, und wie. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Mir war zwar bekannt, dass Wikingerschiffe durchaus unter günstigen Bedingungen kreuzen konnten, aber das hielt ich nicht für möglich. Ich schätze mal, dass die Sigyn etwa bis zu 60 Grad hoch an den Wind geht. Damit habe ich nicht gerechnet! Hut ab vor den alten Schiffbaumeistern! Jetzt wird mir auch klar, dass bei derart guten Segeleigenschaften der Aktionsradius dieser Schiffe damals schon sehr beachtlich gewesen sein muss. Die Langfahrten aus den erhaltenen Berichten rücken damit in ein ganz anderes Licht. „Erlebtes Mittelalter“, öffnet einem die Augen und weckt in einem das Verständnis für die Leistungen unserer Altvorderen. Trotz einer verpatzten Wende, die erst im zweiten Anlauf gelingt, sind wir mit grade mal vier Schlägen wieder im Fahrwasser der Schlei.

Wendemannöver und menschliche Bedürfnisse

Apropos Wende, die sind mit einem solchen Einsegelrigg ganz schön speziell. Nicht nur das man für die Nachbauten der Wikingerschiffe die Takelage zurückentwickeln musste, auch die Segeltechnik musste völlig neu erlernt werden. Bei einer Wende zum Beispiel ist es nicht nur damit getan das Ruder umzulegen und das Segel umzutrimmen, nein die Prozedur ist ganz schön aufwändig. Vor der Wende fällt man etwas ab, um genügend Fahrt für das Wendemanöver zu haben. Einer von den beiden Mannschaftsmitgliedern auf dem Vordeck wirft die Buline los, dann wird das Steuerruder gelegt und langsam beginnt das Boot in den Wind zu drehen, bis das Segel back steht. Dadurch wird der Bug weiter rumgedrückt, wobei das Boot nun aber beginnt, über den Achtersteven Fahrt aufzunehmen. In diesem Moment wird das Ruder wiederum umgelegt und nach einer Weile die Schoten losgeworfen und die Rah gebrasst. Anschließend werden alle Leinen wieder belegt und ganz allmählich nimmt die Sigyn wieder Fahrt auf. Für ein derartiges Wendemanöver benötigt man viel freien Raum. Vielleicht gab es früher noch andere, bessere Methoden und vielleicht kriegt man durch viel Probieren das auch noch mal raus. Aufzeichnungen darüber gibt es, wie gesagt nun mal nicht. Versuch macht Klug. Nachdem wir nun seit über fünf Stunden die Schlei unsicher gemacht haben und ein sehr menschliches Bedürfnis zur Rückkehr mahnt (die Sigyn hat kein Klo und nicht jeder / jede hat nun mal die Traute einfach außenbords zu schiffen) geht es die letzten Meter unter Maschine in den Hafen. An Land angekommen, schaue ich noch mal in den blauen, mit vielen Haufenwölkchen verzierten Himmel und auf die Sigyn zurück. Dieses Erlebnis wird wohl nicht nur mir unvergessen bleiben. Und abends unter der Dusche, was sehe ich da? Nein das darf doch nicht wahr sein? Ich habe doch gar nichts gespürt. Da prangt doch am Schienenbein ein blauer Fleck! Tja, ich war eben auf der Sigyn…


Thomas